Vergangenes Wochenende stand ganz im Zeichen der Wissenschaft. An der schönen blauen Donau, walzerbesungenes Band durch Europa, Geburtsstadt von vielem Bedeutendem, widmete ich mich der Tortologie.
Erstes Untersuchungsobjekt war eine Biedermeier-Torte, stilecht serviert im Café Aida vis-a-vis der Staatsoper, von einer Kellnerin, die doch kurzerhand ruppig wurde, als alle Gäste nach dem Oberkellner Leopold riefen zum Zahlen (nein, das taten sie nur im Weißen Rössl, aber so ähnlich war es schon).

Der Biedermeier ist im Übrigen eine Zeit zwischen dem Wiener Kongress und der 48er-Revolution.

Die Torte kommt dagegen eher feudal daher, sehr lecker mit der fruchtigen Note im oberen Teil. Warum jedoch eine Café-Konditorei nach einer Sklaventochter benannt wurde, bleibt ungeklärt. Die Oper Aida entstand auch erst 1870, also nach dem Biedermeier kurz vor dem deutsch-französischen Krieg.
Aber der Tortologe muss sich natürlich auch der Sacher-Torte annehmen. Die Wikipedia verrät, dass es sich um eine Schokokuchen-Kreation des Konditorlehrlings Franz Sacher handelt. Sein Sohn Eduard hat dann während seiner Lehrjahre den Kuchen mit Marillenmarmelade bestrichen und eine Schokoglasur aufgetragen. Das Ganze erfolgte in der Konditorei Demel.
Also, fassen wir zusammen: Die Sachertorte wurde von jungen, dynamischen, aufstrebenden Lehrbuben entwickelt.
Herr Exit stolperte gegen Abend in das Hotel Sacher auf der Rückseite der Staatsoper, gleich am Eck vom Bühneneingang.

Feudal, dieses Ambiente. Kristallleuchter, mit Stoff bezogene Wände, Ton in Ton mit dem Sofa. In der Mitte eine Tortenpräsentationsinsel (von der freilich die servierte Torte nicht abgeschnitten wird, man isst ja nicht die Deko).

Man könnte meinen, Sissi käme gleich hereinspaziert. Ja, für dieses Ambiente zahlt man auch gerne mal 4,90 EUR für den Lehrbubenkuchen und 4 EUR für etwas Espresso dazu. Dass man in Wien von einem großen Braunen spricht, halte ich jedoch, welthistorisch betrachtet, für bedenklich.
Hätte das walzer- und polkaspielende Berieselungsorchester nicht zum Rössl-Hit “Mein Liebeslied muss ein Walzer sein” angesetzt, den Herr Exit beinahe mit seinem Heldentenor intoniert hätte, könnte man sich als Tourist, der in die Falle tappste, fühlen.

Aber so?

Herr Exit genießt und schweigt.

