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Tortologie in Wien

Von Exit in - 7. März 2007, 18:46 10 Kommentare

Vergangenes Wochenende stand ganz im Zeichen der Wissenschaft. An der schönen blauen Donau, walzerbesungenes Band durch Europa, Geburtsstadt von vielem Bedeutendem, widmete ich mich der Tortologie.

Erstes Untersuchungsobjekt war eine Biedermeier-Torte, stilecht serviert im Café Aida vis-a-vis der Staatsoper, von einer Kellnerin, die doch kurzerhand ruppig wurde, als alle Gäste nach dem Oberkellner Leopold riefen zum Zahlen (nein, das taten sie nur im Weißen Rössl, aber so ähnlich war es schon).

Der Biedermeier ist im Übrigen eine Zeit zwischen dem Wiener Kongress und der 48er-Revolution.

Die Torte kommt dagegen eher feudal daher, sehr lecker mit der fruchtigen Note im oberen Teil. Warum jedoch eine Café-Konditorei nach einer Sklaventochter benannt wurde, bleibt ungeklärt. Die Oper Aida entstand auch erst 1870, also nach dem Biedermeier kurz vor dem deutsch-französischen Krieg.

Aber der Tortologe muss sich natürlich auch der Sacher-Torte annehmen. Die Wikipedia verrät, dass es sich um eine Schokokuchen-Kreation des Konditorlehrlings Franz Sacher handelt. Sein Sohn Eduard hat dann während seiner Lehrjahre den Kuchen mit Marillenmarmelade bestrichen und eine Schokoglasur aufgetragen. Das Ganze erfolgte in der Konditorei Demel.

Also, fassen wir zusammen: Die Sachertorte wurde von jungen, dynamischen, aufstrebenden Lehrbuben entwickelt.

Herr Exit stolperte gegen Abend in das Hotel Sacher auf der Rückseite der Staatsoper, gleich am Eck vom Bühneneingang.

Feudal, dieses Ambiente. Kristallleuchter, mit Stoff bezogene Wände, Ton in Ton mit dem Sofa. In der Mitte eine Tortenpräsentationsinsel (von der freilich die servierte Torte nicht abgeschnitten wird, man isst ja nicht die Deko).

Man könnte meinen, Sissi käme gleich hereinspaziert. Ja, für dieses Ambiente zahlt man auch gerne mal 4,90 EUR für den Lehrbubenkuchen und 4 EUR für etwas Espresso dazu. Dass man in Wien von einem großen Braunen spricht, halte ich jedoch, welthistorisch betrachtet, für bedenklich.

Hätte das walzer- und polkaspielende Berieselungsorchester nicht zum Rössl-Hit “Mein Liebeslied muss ein Walzer sein” angesetzt, den Herr Exit beinahe mit seinem Heldentenor intoniert hätte, könnte man sich als Tourist, der in die Falle tappste, fühlen.

Aber so?

Herr Exit genießt und schweigt.

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10 Kommentare

1

rob
7. März 2007, 19:25 #

PGL Wiener Art – aha…

2

Mario
7. März 2007, 23:24 #

Hm, das sieht verboten lecker aus!

3

Dirk
8. März 2007, 03:22 #

Ich bin natürlich neugierig, wie der Kaffee war! Auf dem Foto sieht er verlockend aus. Man sagt, die Wiener haben ein Gespür für guten Kaffee?

4

Indica
8. März 2007, 10:14 #

Mit Kellnern in Wien ist nicht zu scherzen!

5

engl
8. März 2007, 11:37 #

mit den wienern an sich ist schwer scherzen. die haben schließlich ihren eigenen witz.

6

Claudia
8. März 2007, 16:42 #

Es ist gemein, o Exit, es ist niederträchtig, mir diese Tortenstücke vor die Nase zu setzen, wo ich doch abnehmen will. Um das wieder gut zu machen, solltest Du jetzt mal einige Fotos von leckeren Salaten machen.

7

generator
8. März 2007, 16:44 #

Oha, Herr Exit, bei geschätzten 200 Grämmern Lebensglück taxiert sich das letzte Foto auf ca 680 Kalorien oder 60 Minuten Schwimmen.

Und heißt es nicht “das” Biedermeier?! Aber aus mir sprechen ja nur Neid und ein missgünstiger Charakter, weil ich bei der Hierbleibzentrale gebucht habe und nicht mit dir im Weidinger (ggü Lugner-City) sitzten kann beim Topfenstrudel. Seufz.

8

The Exit
8. März 2007, 17:18 #

Es ist schön, dass meine Leserschaft so um mein leibliches Wohl bemüht ist!

Ich werde geloben, fortan auch gesunde Leckereien zu fotografieren.

9

The Exit
8. März 2007, 17:24 #

Und dass mir der Weidinger erst jetzt empfohlen wurde… wo ich doch direkt neben an arbeiten musste!

10

Sigi
8. März 2007, 20:15 #

Was hast du gegen einen großen Braunen? Kaffee mit oder ohne Milch, da gibt es nichts bedenkliches, auch nicht weltpolitisch. Lg aus Wien

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