Startseite   

Die Liebe

Von Exit in - 12. Januar 2008, 18:53 2 Kommentare

An Weihnachten gab mir meine Mutter ein Buch zum Lesen. Das Evangelium nach Pilatus von Eric-Emmanuel Schmitt, der auch schon die Blumen des Koran geschrieben hatte. “Eine Passionsgeschichte voller Suspense und Spiritualität” versprach der Klappentext, der einen Krimi (das Anti davor überlas ich) im Zusammenhang mit einer verschwundenen Leiche ankündigte.

Ich habe eine sehr religiöse und katholische Erziehung genossen. Gemeindekindergarten, Jugendgruppe, Erstkommunion, Ministrant, Firmung, Wallfahrten und kirchliche Studienreisen (die niemals eine Kirche am Wegesrand auslassen konnten): das volle Programm bis zum Prüfungsfach Religion im mündlichen Abitur über das Leben Jesu Christi sowie das Reich Gottes. Ja, ich bereiste sogar im Studium mit Religionspädagogen und Theologiestudenten Korea!

Aber irgendwie, es gab für mein kein rundes Bild. Da waren die Bilder, die Symbole, die Geschichten und Zitate. Alles tausendfach wiederholt, vorgetragen und nachgebetet.

Ich schlug das Buch auf, auch wenn sich meine Stirn ein wenig kräuselte, beim Gedanken ein theologisches Buch zu lesen. Außerdem hatte ich doch im Zug eine Urlaubslektüre begonnen, die danach schrie, weitergelesen zu werden, selbst wenn in der geplanten Urlaubslektüre gerade ein konfliktreiches Weihnachtsfest vorbereitet wurde. Aber ich wollte wissen, wie die Geschichte um Bernhard weitergeht.

Da saß ich nun, wohlgenährt mit Plätzchen und gefüllter Pute. Und begann zu lesen (im Evangelium nach Pilatus). Von einem Jeschua, der als Zimmermann arbeitete und später Johanaan, dem Taucher begegnet um dann für 40 Tage in die Wüste zu flüchten. Später zieht er durch Judäa und das Ende ist bekannt. Vor allem, wenn man als Ministrant die Karfreitage seiner Jugend in der Kirche verbrachte. Da wird nicht rasch gestorben und die traurigen Lieder tragen nicht zu einer positiven Stimmung bei!

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Zumindest hat es Eric-Emmanuel Schmitt gewissermaßen auf dem Silbertablett präsentiert: es geht im Christentum eigentlich nur um die Liebe. Ziemlich simpel. Die umfassende Liebe Gottes. Das hat mich ziemlich berührt.

(Es schließt sich im Buch nun ein zweiter Teil an, in dem Pontius Pilatus, ein eigentlich sehr sympathischer Römer, seinem Bruder in Briefen davon berichtet, wie er zunächst die Leiche des Jesus sucht und später mit den Erscheinungen des Auferstandenen zurechtkommen muss. Gerade dieser Teil ist wichtig um den österlichen Kontext der damaligen Zeit zu verstehen und lässt den ersten Teil über das Leben des Jeschua plastischer erscheinen. Im Übrigen halte ich das Buch für äußerst lesens- und empfehlenswert.)

Mit der Kurzinterpretation des christlichen Glaubens (bzw. einer zentralen Komponente, ich will ja hier nicht unnötig vereinfachen und wesentliche Elemente wegdefinieren) als umfassende Liebe komme ich bestens klar. Jetzt verstehe ich, worum es eigentlich geht. Und das berührt mich.

Später setzte ich meine Urlaubslektüre fort. “An einem Mittwoch im September” spinnt ein Netzwerk von Begegnungen und treibt die Handlung voran. Und über allem schwebt die Liebe.

Heute hat Frau Creezy von der Liebe geschrieben. Von der umfassenden und unbedingten Liebe ihrer Mutter. Ich bin immer noch ergriffen.

Foto: Doerrebachtaler, Flickr.

   Startseite   

2 Kommentare

1

Markus
12. Januar 2008, 20:18 #

Jetzt bin ich aber auch ergriffen. Hier und dort.
Ihnen, Herr Schlecker, ein herzliches Dankeschön für das hier Geschriebene. “Und über allem schwebt die Liebe” – was für ein mächtiger Satz.

2

Liisa
13. Januar 2008, 17:28 #

Genau, Herr Matthias, am Ende ist es die Liebe die zählt. Viel Kraft und Mut zum Lieben!

   Startseite   

Aktuelle Diskussion

   Startseite