Ich glaube, ich habe sie wiedergefunden. Meine erste Unterkunft in Berlin. Es muss 1996 gewesen sein, denn man fuhr, soweit ich mich entsinnen kann, in der 10. Klasse nach Berlin. Irgendwo bei meinen Eltern lagern sicher noch ein paar Diakästen mit den Bildern. Damals diagrafierte ich nämlich noch und wir wohnten im Wedding, in der Nähe der damals bereits eröffneten Straßenbahn. Leider ist mir die Adresse entfallen, aber ich glaube, ich konnte die Unterkunft jetzt identifizieren.
Ich war damals bereits von schienengebundenen Nahverkehrsmitteln begeistert, sodass ich möglichst kreative Verbindungen erdachte und den begleitenden Lehrern vorschlug. Ich kannte da nix. So empfahl ich beispielsweise am ersten Abend nach dem Ku’damm-Bummel eine Fahrt mit der Stadtbahn (sieht man was von Berlin bei Nacht) und dann mit der U8 zurück in den Wedding. Ich wusste natürlich (noch) nicht, dass Grenanders Meisterwerk am Alex noch nicht saniert war. Die Lampen hingen so tief, dass ich den Kopf einziehen musste. Und in dem dunklen Durchgang standen obskure Gestalten und fragten uns, ob wir denn eine Mark (das war vor der Währungsumstellung) für sie hätten.
Von unserer Unterkunft aus konnte man mit der Straßenbahn zur U-Bahn fahren oder laufen. Zu meinem Leidwesen dauerte die Fahrt mit dem Gefährt genau eine Station. Die Tragik der Straßenbahn im Wedding war, dass man sie nicht richtig nutzen konnte, denn sämtliches kreatives Linienplanen half nix, da der nächste U-Bahnhof erst an der Frankfurter Allee (=weit weg) erreicht wurde. Überhaupt schien die Straßenbahn in ein Gebiet zu fahren, das auf meinem U- und S-Bahn-Plan ein weißer Fleck war.
Die einzige Freude, die mir blieb, war also eine Fahrt zur Osloer Straße, oder bis zur U-Seestraße. Aber dafür benötigte ich ein stichhaltiges Argument der Vorteilhaftigkeit des kleinen Umwegs.
Einmal konnten wir sogar die Nord-Süd-S-Bahn nehmen, die sprechende Informationssäule verriet, dass man von der Osloer Straße zur Friedrichstraße über Gesundbrunnen schneller sei als über Leopoldplatz. Dummerweise gerieten wir mitten in die Baustelle des neuen Umsteigebahnhofs, kletterten über Bretterbrücken und wateten durch den Schlamm bevor wird durch den Tunnel rumpeln mussten. Die Lehrer waren nicht begeistert.
Sie waren auch nicht erfreut, dass ich die S-Bahn-Türen während der Fahrt einen Spalt öffnete um auf der Stadtbahn besser fotografieren zu können. Oder als ich testen wollte, ob die U-Bahn-Türen der U 1 auf beiden Seiten im Bahnhof entriegelt wurden.
Ja, Berlin war ein großer grandioser U-Bahn-Spielplatz und ich maximierte meinen Spaß. Mein kleiner Stadtführer fiel mir erst unlängst beim Abstauben in die Hände. Das Nachtleben spielt sich auf Dutzend Doppelseiten im Westen ab. Für den Prenzlauer Berg reicht eine Seite.
Aber zurück zur Unterkunft, von der ich nicht mehr wusste, wo sie lag. Ich habe sie heute wiedergefunden. In der Koloniestraße im Soldiner Kietz. Es ist heute ein Seniorenheim. Aber die Fensterform der Zimmer, die Dreiteilung war mir schon damals aufgefallen. Nur waren die Türen seinerzeit rot gestrichen.
Heute wohne ich nur 5 Fahrradminuten entfernt.
Und der Grund meines Ausfluges am letzten Sonntag in die Koloniestraße war der Besuch einer Galerie im Vierten Stock, in der eine Künstlerin ihre Gemälde vom Wald bei Nacht ausstellt. Und so sind die Bilder in einer raffinierten, bisher unbekannten Schwarz-In-Schwarz-Technik gemalt. Und weil das Mädl so gerne in ihrer Kindheit im Wald spielte, wurde ein Galerieraum (im vierten Stock) mit brandenburgischem Waldboden befüllt. Ein autobiografisches Werk, wie die Galeristin nicht müde wurde zu betonen.

Sehen Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Hirschgeweihe im Sozialpalast sind eben aus einer autobiografischen Perspektive zu sehen, denn sie symbolisieren für mich die Geborgenheit der großelterlichen Wohnstube, die ich immer sonntags aufsuchen durfte, wo es leckeren Kuchen gab und in deren Keller eine Modelleisenbahn stand. Und allen Nörglern sei gesagt: Ihr wollt doch nicht, dass ich meine autobiographischen Wurzeln kappe und völlig entwurzelt in einer weichgespülten Welt lebe?


